Asatru (Ásatrú)
Das Wort Asatru ( isländ. Ásatrú) leitet sich vom dänischen Asetro ab, das soviel bedeutet wie „den Asen treu“. Man versteht unter Asatru sowohl den überlieferten Glauben vor der Christianisierung als auch die im 20. Jahrhundert entstandene neuheidnische Bewegung. Im Folgenden sollen daher auch beide Formen des Asatru erläutert werden.
1. Überliefertes Asatru
Wenn wir über „das alte Asatru“ sprechen, dann meinen wir damit die Religion der Angelsachsen, der nordischen und der germanischen Völker – also praktisch ganz Nordeuropas. Im Zuge der Christianisierung wurde es im Jahre 1000 offiziell verboten.
Island stellt - nach Schweden – das zuletzt christianisierte der nordisch-skandinavischen Länder dar. Wie in vielen Ländern waren die Gründe, den neuen Glauben anzunehmen, auch in Island hauptsächlich wirtschaftliche: Man war schlichtweg auf den Handel mit Europa angewiesen. Auf dem Kontinent hatte die christliche Kirche inzwischen ihren Einflussbereich ausweiten können und war daher auch in der Lage, politischen Druck auf kleinere Länder auszuüben. Allerdings bedeutete - wie ebenfalls in vielen anderen Ländern – die offizielle Übernahme des Christentums kein vollständiges Verlöschen der „alten“ Religion. Vielmehr fand ein Synkretismus beider Kulturen statt, der durch die Vermischung der unterschiedlichen Brauchtümer deutlich wird.
Mythologie
Anders als das Christentum stellt Asatru mit seinen drei Göttergeschlechtern (Asen, Wanen und Riesen) eine klassisch polytheistische Religion dar. Das Götterbild war anthropomorph; wie bei vielen polytheistischen Kulten gab es göttliche Stammbäume und natürlich eine Reihe von dramatischen Vorkommnissen und Verkettungen. Literarische Quelle stellt hierfür die Edda dar (siehe auch „Literatur“).
Die nordische Mythologie ist vielleicht eine der düstersten, tragischsten überhaupt – man findet nur schwer eine andere Kultur, in der ähnlich häufig Tod, Verhängnis und Rache thematisiert werden. Forscher wollen darin eine Art nordischen Fatalismusglauben sehen und tatsächlich geht die nordische Mythologie von einem eher feststehenden Schicksal aus. Man sollte sich allerdings vor vorschnellen Verallgemeinerungen hüten: Pessimistisch (wie einige Forscher ebenfalls meinen) ist das Weltbild der nordischen Völker deshalb noch lange nicht. Es ist eher zyklisch – wie bei Naturreligionen üblich - und versteht daher jedes Ende gleichzeitig als Anfang: dies legen beispielsweise die Vorstellungen von Ragnarök und Valhalla nahe. Und dass die Wikinger alles andere als ein depressives Völkchen gewesen sind, dürfte abgesehen davon wohl hinlänglich bekannt sein..
Die wichtigsten Götter
.. zu bestimmen, ist keine leichte Aufgabe. Am bekanntesten sind wohl die Asen Thor (Þórr) und Odin (Óðinn) sowie Freyja; es gibt aber noch eine ganze Reihe an Gottheiten – und welche Götter nun wirklich am wichtigsten sind, hängt mitunter auch vom eigenen Wohnort ab, denn zusätzlich gibt es regionale Götter, die in ihrem Einfluss nicht zu unterschätzen sind. Ebenfalls nicht zu vergessen sind die Landvættir, die Geister von z.B. Wald, Wasser und Steinen.
Allgemein repräsentieren die Asen (Æsir) die Götter des Stammes oder Clans und stehen für abstrakte Begriffe wie Ordnung und Stärke. Die Wanen (Vanir) symbolisieren die Kräfte der Natur. Die Riesen (Jotnar) stehen für Chaos und Zerstörung und befinden sich folgerichtig in ständigem Krieg gegen die Asen. In der finalen Schlacht, dem Ragnarök, werden viele Götter im Kampf gegen die Riesen sterben. Dies wird den Untergang und gleichzeitig die Wiedergeburt der Welt zur Folge haben.
Schöpfung, Weltenesche und Jenseits
Wie die Völuspá berichtet, schufen die drei Götterbrüder Odin, Vili und Ve aus zwei Bäumen die ersten beiden Menschen: Ask und Embla. Unsere sozialen Schichten haben wir dem Gott Rig zu verdanken.
Midgard – die Welt des Menschen – befindet sich in der Mitte der Weltenesche Yggdrasil und wird umgeben von der Midgardschlange. Insgesamt gibt es neun Welten, z.B. Asgard (Welt der Götter) und Utgard (Welt der Riesen und Trolle).
Nach dem Tode gibt es verschiedene Möglichkeiten des Weiterexistierens – je nachdem, was für ein Leben man geführt hat. War man ein Krieger und ließ man auf dem Schlachtfeld sein Leben, sieht die Sache einfach aus: Die Walküren bringen einen auf direktem Wege nach Valhalla, Odins Hallen. Dort warten reichlich Speis und Trank für die ehrenhaft Gefallenen.
Yggdrasil, die Weltenesche
Für die Ruchlosen gibt es Hiflhel, das der christlichen Höllenvorstellung recht nahe kommt. Und dem ganzen durchschnittlichen Rest bleibt immer noch Hel, wo es zumindest angenehm ruhig und friedlich sein soll.
2. Modernes Asatru
Die Reformation brachte 1550 die evangelische Kirche nach Island. Religionsfreiheit erhielten die Isländer erst im Jahre 1874. Zu etwa diesem Zeitpunkt trat Asatru wieder öffentlich in Erscheinung und wurde in volkskundlichen Beschreibungen erwähnt. 1945 folgte eine wissenschaftliche Publikation über heidnische Traditionen in Island von Ólafur Briem (Originaltitel: „Heiðinn siður á Íslandi“).
1972 erreichte der Dichter Sveinbjörn Beinteinsson schließlich, dass Asatru in Island wieder als legale Religion anerkannt wurde und dieselben Rechte wie die christliche Kirche erhielt. Zur selben Zeit erlebten viele „alten“ Religionen, darunter auffällig viele Naturreligionen, ein Revival – nicht allein in Europa ist dies zu beobachten gewesen, sondern vor allem auch in den USA; und so kann man heute auch nicht von einer landesweit begrenzten Renaissance des altnordischen Glaubens sprechen, sondern findet vielmehr Asatru-Gruppen nahezu überall auf der Welt.
Der Missbrauch der Runen und der germanischen Götterwelt im dritten Reich führte dazu, dass selbst heute noch manchmal fälschlicherweise angenommen wird, der Asenglaube stünde in irgendeiner Weise mit nationalistischer Ideologie in Zusammenhang.
Anhänger des modernen Asatru – die Ásatrúar - verstehen sich, entgegen der Einstufung von Religionswissenschaftlern und Ethnologen, nicht als Neue Heiden. Sie selbst bezeichnen sich meist als Anhänger des „alten“ Glaubens und sehen Asatru heute in direktem Zusammenhang mit den Überlieferungen.
Was ist daran neu?
Tatsächlich ist es schwer zu begründen, warum es sich beim modernen Asatru nicht um das fortgesetzte Ausleben alter Traditionen handeln soll. Asatruar führen an, dass ihr Glaube stets weiter existiert habe – nur eben nicht offiziell, aus Furcht vor der Macht der Kirche. Und vergleicht man modernes Asatru in seinen Glaubenssätzen und Göttervorstellungen mit dem, was uns überliefert ist, so kann man auch nicht etwa von neuartigen Strukturen innerhalb der Glaubensgemeinschaft sprechen. Damit unterscheidet sich Asatru von anderen Neuströmungen alter Naturreligionen – da viele von ihnen jüngst eine Aufspaltung in die verschiedensten Schulen und Lehren erleben und damit in der Tat eine Art „neue“ Religion bilden.
Sveinbjörn Beinteinsson (1924-1993)
Neu scheint in Island jedenfalls einzig die Gesellschaft für Asatru zu sein: Die Ásatrúarfélagið, gegründet 1972 von Sveinbjörn Beinteinsson. Inzwischen wird Asatru auch in Norwegen, Dänemark, Australien und den USA anerkannt.
Zu Anfang sei die Idee zur Gründung der Ásatrúarfélagið als eine Gegenreaktion entstanden, sagte Beinteinsson einmal in einem Interview. Anfang der 70er Jahre erhielt die christliche Kirche erneut einigen Zustrom, und so sei er dazu gekommen, sich zu fragen, was eigentlich mit dem alten isländischen Glauben passiert sei.
„Die Menschen auf dem Land haben immer an die Natur geglaubt.“
Doch die mangelnde Religionsfreiheit bis Ende des 19. Jahrhunderts sei nicht der einzige Grund gewesen, warum der alte Glaube so lange nicht öffentlich ausgeübt worden sei. Auch die Industrialisierung habe ihr Übriges dazu beigetragen: „Maschinen, Autos, Flugzeuge, moderne Schiffe, all das erreichte uns innerhalb einer einzigen Generation. Wir haben nicht die modernen Entwicklungen durchgemacht, wie andere europäische Länder“, so Beinteinsson. „Das ging alles etwas zu schnell, es war viel zu viel auf einmal. Erstaunlich genug, dass der Mensch sich so schnell an all diese neuen Dinge anpassen konnte – aber zugleich verlor er sein normales, intuitives Verhältnis zur Natur. Stattdessen schuf der Mensch eine tote Umwelt. Er umgab sich mit selbstgemachtem Ödland.“
Dass all diese Entwicklungen vergleichsweise (und dafür Schlag auf Schlag) spät in Island Einzug gehalten haben, fasst Beinteinsson allerdings nicht bloß als Erschwernis auf. „Wir erinnern uns an die Zeit vor dem technischen Fortschritt. Unser enger Kontakt zur alten Zeit und zur Natur sowie unsere kulturelle Vergangenheit halfen uns, den Weg für unsere Religion zu bahnen.“
„Es ist die besondere Aufgabe unserer Religion, unsere Verbindung zur Natur wieder aufzubauen.“
Dennoch sei er weit davon entfernt, den technischen Fortschritt zu verurteilen. „Ich will die Zeit nicht zurückdrehen“, so Beinteinsson weiter. „Ich muss mein Leben in der Gegenwart leben. Weder könnten wir ohne die neuen Technologien leben, noch wollten wir es.“
Ähnlich sehe er auch die Rolle der Wissenschaft. Diese werde heutzutage mehr infrage gestellt als noch vor einigen Jahrzehnten. „Heute kann man dazu stehen, an Dinge zu glauben, die nicht sichtbar sind.“
Es sei wichtig, diese im eigenen Leben in angemessener Weise zu integrieren und sie weder dogmatisch zu verneinen, noch ihre Rolle überzubewerten:
„Balance ist wichtig. Wir fühlen uns nicht mehr ganz. Eines der Hauptziele der Ásatrúarfélagi? ist es also, die Menschen wieder zu solch einer Balance hinzuführen. Und ein weiteres Ziel: In der Lage zu sein, mit dieser Balance auch leben zu können.“
Das Interview wurde von Gisela Graichen durchgeführt und kann vollständig im Buch „Die neuen Hexen“ (Hoffmann & Campe 1986) nachgelesen werden.
Asatru in Kürze
Ásatrúarfélagið wurde 1972 von S. Beinteinsson gegründet und zählte damals 40 Mitglieder – heute sind es ca. 1.400 im In- und Ausland, Tendenz steigend. Die Mehrheit der Mitglieder ist männlich, allerdings sind die nichtregistrierten Interessenten, die den Festen beiwohnen, meist weiblich.
Die Feiern im Asatru nennen sich Blót. Das wird im Deutschen zwar mit „Opfer“ übersetzt, hat aber mit christlichen Opfervorstellungen nichts zu tun: Geleitet werden solche Blóts und þings von einem Hohepriester, genannt Allherjarsgoði. In Anlehnung an alte Zeremonien eröffnet dieser die Zusammenkünfte und segnet sie. Daraufhin werden die Sagas vorgelesen. Im Anschluss trinkt man symbolisch – aus einem Horn – auf die Götter. Gemeinsames Essen und Trinken gehört zu solchen Blóts dazu – für alles Weitere gibt es keine strengen Regeln. Oft werden z.B. Gedichte vorgetragen.
Ásatrúarfélagið hat die selben Rechte wie die Kirche – so haben ihre Priester also z.B. genauso die Befugnis, Paare zu trauen.
Ásatrúarfélagið
Grandargardur 8
101 Reykjavík
tel (+354) 561-8633
Fotos: asatru.is


