Land
& Leute
Die
Isländer
Welthunger
Schon
die Wikinger, die Island ab dem
9. Jahrhundert besiedelten, waren
vom Welthunger, vom Reisefieber
und der Neugier gepackt. Sie
bereisten ganz Europa und
arbeiteten sich plündernd
bis nach Konstantinopel, dem
heutigen Istanbul, und bis in die
russischen Flüsse vor. Sie
entdeckten Island, Grönland
und von Grönland aus im Jahr
1000 sogar Nordamerika. Es sieht
so aus, als wäre ihnen kein
Weg zu weit und keine Anstrengung
zu groß gewesen, um sich in
der Welt umzutun. Aber nachdem
sie in Island (und teilweise auch
in Grönland) seßhaft
wurden, verloren sie,
zunächst vielleicht aus
Holzmangel, die Fähigkeit,
ihre genialen Langboote zu bauen.
Jahrhundertelang kamen die
Isländer nicht über die
Küstengewässer hinaus,
was auf kolossale Armut und ein
erbarmungsloses Handelsmonopol
der dänischen Kolonialmacht
zurückzuführen ist.
Erst die großen
Dampfschiffe unseres Jahrhunderts
und natürlich die Flugzeuge
durchbrachen diese
Isolation.
Demzufolge
waren auch Nachrichten von der
Welt jenseits der Meere rar und
meistens vage. Als ob man diesen
tiefsitzenden, Jahrhunderte alten
Mangel heute ausgleichen wollte,
gibt es nirgends in Europa so
viele Internetanschlüsse pro
Kopf der Bevölkerung wie in
Island, und neben einer
Fülle einheimischer
Zeitungen (man bedenke: vier
tägliche Publikationen bei
einer Bevölkerung von ca.
260.000 Menschen neben drei
einheimischen Fernsehsendern und
einer Vielzahl von
Rundfunkstationen!) kann man
ausländische Fach- und
Unterhaltungsmagazine in reicher
Zahl bekommen.
Und es
gibt kein bereisbares Land,
keinen Ozean und kein Gebirge,
das sich die Isländer nicht
aneignen. Im Mai 1997 bestieg
eine isländische Expedition
unter lebhafter Beteiligung der
einheimischen Presse den
welthöchsten Gipfel Everest.
Auch heute scheint keine
Anstrengung zu groß
...
Erstaunlich
sind in einem so homogenen Land,
das von nur einem Volk und
verhältnismäßig
wenigen, relativ schnell
integrierten Ausländern
bewohnt wird, die guten
Sprachkenntnisse. Jedenfalls
Dänisch, Deutsch und
Englisch sowie andere
skandinavische Sprachen werden
vielerorts verstanden und gut
gesprochen.
Viele
Bereiche des täglichen
Konsums werden durch Importe
gedeckt; die einheimische
Industrie ist gar nicht in der
Lage, alle Bedürfnisse zu
befriedigen. (Wie sich leicht
ausrechnen läßt, gibt
es in Island z.B. keine
Autofabriken.) Aber wenn man
schon im Ausland einkaufen
muß, dann richtig: Was neu
und schick ist, ultramodern und
raffiniert, teuer bis
überteuert, im
überschaubaren Island findet
es sich an allen Ecken.
Modebewußt wie Paris und
Rom, im Trend wie New York und
Tokyo, so zeigen sich
Reykjavíks Geschäfte.
Und ein Blick in die Diskotheken,
Bars und Kneipen zeigt lauter
elegante Erscheinungen, denen
gute Laune und der letzte Schrei
eine ganze Menge
bedeuten.
Weiter: Zweckoptimismus
und Winterdepression
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